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Ein wenig zur Geschichte von Pulver und Blei

Nachdem sich aus den Geschützmeistern des Barock eine organisierte Artillerie herausgebildet hatte, befand sich bei ihr ganz selbstverständlich der Sachverstand für den Umgang mit Explosivstoffen gesammelt, zu denen auch die beliebten Darstellungen der Lustfeuerwerkerei gehörten. Viele Artillerie-Führer hielten den Zauber der bunten Lichter und Figuren für nicht vereinbar mit der Offizierswürde; ab 1826 diskutierte man in Preußen die Verbannung der Lustfeuerwerkerei aus dem Waffenwesen.

Die Argumente der Befürworter und ihrer Gegner stachen gleichermaßen: »Auch ist zu bemerken, daß einige Gegenstände der Lustfeuerwerkerei, wie Signalraketen und Bombenröhren auch im Ernstfalle Anwendung finden«, bis General Braun, der Generalinspekteur der kgl. Fabriken und Werkstätten, klarstellte, »...daß die Lustfeuerwerkerei ein Handwerk ist, das mit der Artillerie, welche sich mit dem Gebrauch der Geschütze beschäftigt, nichts gemein hat – als das Pulver! Die Artilleristen sind aus Handwerkern Soldaten geworden und haben vollauf zu tun, diesen Zweck zu erfüllen.«

Am Ende stand die personelle Trennung des Ernst- oder Kriegsfeuerwerks vom Lustfeuerwerk, denn da auch das Offizierskorps der Artillerie, das zur Stellungnahme aufgefordert war, sich in der Mehrzahl für die Abschaffung der Lustfeuerwerkerei aussprach, stellte der Prinz-General-Inspekteur den Antrag hierauf. König Friedrich Wilhelm III. bestätigte ihn am 18. Februar 1828.

So ganz wollten und konnten die Herren jedoch vom Lustfeuerwerk nicht lassen. Schließlich hatten die Majestäten und die kleinen Prinzen und Prinzessinnen ja auch ihre Geburtstage gebührend zu feiern. Und damit die »weitere Vervollkommnung dieses Dienstzweiges nicht ausgeschlossen sei und es nicht etwa an Leuten fehle, bei irgend einer festlichen Gelegenheit ein Feuerwerk zu fertigen«, erhielt das »Geheime Raketenlaborathorium zu Spandau«, das unter dem Kommando des Herrn Major Dietrich stand, den neuen Betriebszweig der Lustfeuerwerkerei hinzugefügt. Spötter sagen, “Kommiß” komme von “komisch”...

Kohlendistillierofen

Zur Zeit des zünftigen Artilleriewesens waren Feuerwerker die Artilleristen zur Bedienung der Wurfgeschütze; erst im 19. Jahrhundert wurden sie Charge im Unteroffizierstand der Artillerie.

Die Feuerwerker der deutschen Armee gingen aus den Unteroffizieren der Feld- und Fußartillerie hervor. In einer neunzehn Monate dauernden Schulung auf den Oberfeuerwerkerschulen Berlin und München erhielten sie die theoretische und praktische Ausbildung, die sie befähigte, die Fertigung der Munition für alle Waffen der Armee zu leiten, die Revision und Abnahme der Geschütze, der Eisenmunition und des Pulvers in den Fabriken auszuführen sowie als Lehrer an den Schulen der Artillerietruppen zu unterrichten. War die Dienstpflicht abgedient, fanden sie ab 1867 weitere Verwendung als Trigonometer und Topographen in den Abteilungen des Generalstabs.

Nach dem ersten Examen wurden die Unteroffiziere zu Feuerwerkern (Sergeanten), dann zu Oberfeuerwerkern (Feldwebel) befördert.

Die Feuerwerker der deutschen Marine, die ihre Ausbildung ebenfalls an den Oberfeuerwerkerschulen erhielten, waren Deckoffiziere der 2. Klasse, die Oberfeuer-werker Deckoffiziere der 1. Klasse.

Nach einem zweiten Examen wurden geeignete Oberfeuerwerker zu Feuerwerks-offizieren befördert, zu Feuerwerksleutnants, dann zu Premier-Leutnants und zu Hauptleuten. Sie wurden den Stäben der Artilleriebrigaden, Artilleriedepot-Inspektionen und Fußartillerieregimentern, den Artilleriedepots und den technischen Instituten der Artillerie zugeteilt. Sie waren ein in sich und für sich rangierendes Offizierskorps.

Pulverstampfwerk

Von den Anfängen der Pulverwaffe bis zur ausgebildeten und strukturierten Artillerie aber war ein weiter Weg zurückzulegen, den wir an vielen Stellen im Dunkeln gehen müssen, denn noch immer sind die Historiker nicht einig, wie die Sache mit Pulver und Blei einmal begann.

Ob denn das Artis tollere (lat.), die Kunst zu schießen, der mit Geschützen ausgestatteten Waffengattung der Streitkräfte wirklich ihren Namen lieh, wie die k.u.k.-österreichische Artillerieschule meint, habe ich etymologisch nicht belegt gefunden. Im 17. Jahrhundert setzte sich das Wort in der französischen Lautform artillerie (Gesamtheit der großen Feuerwaffen, des Geschützwesen) gegenüber anderen, im 15. und 16. Jahrhundert üblichen Formen wie artalarei, artolerei, artellerei, artellari, artigleria usw. allmählich durch.

Dieser Formenreichtum beruht auf dem Einfluß von artigleria (ital.) und artilleria (span.). Das altfranzösische Verb artillier bedeutete „mit Maschinen, Kriegsgerät, ausrüsten“; wahrscheinlich in Anlehnung an das noch heute gebräuchliche art (Kunst, Geschicklichkeit, daher auch: Artist) umgebildet aus dem älteren altfranz. atillier (schmücken, ausstatten, ausrüsten, sich bewaffnen). Im deutschen Sprachraum verstand man ab 1773 unter Artillerist ganz allgemein einen Soldaten bei der Artillerie. Aus dem Mittelfranzösischen floß früh im 16. Jahrhundert das Wort munition in die deutsche Sprache ein: das bedeutete die Gesamtheit der zum Kriegführen nötigen Mittel, wie Waffen, Sprengstoff, Geschoßvorrat, aber auch Proviant). Auch hier treten lateinische Sprachwurzeln hervor: munitio (Genitiv munitionis) bedeutet Befestigung, Verwahrung, Errichten eines festen, schützenden Ortes, Befestigungsmittel oder auch Befestigungswerk.

Im Hochmittelalter verengte der Sprachgebrauch die Bedeutung des Stammwortes und fügte die Vorsilbe »ad« hinzu (franz. »admunition«, engl. »ammunition«). Die Bedeutung des Wortes dehnte sich auf die Befestigungsanlagen und später auf alle Mittel der Verteidigung aus. Das lateinische muniri bedeutete anfangs den Schutz einer Mauer oder Wand.

Der deutsche Adel hielt für passend, sich nach der von der hohen Geistlichkeit gemachten Feststellung seines Gottesgnadentums auch sprachlich von seinen Untertanen abzuheben. Friedrich der Große, der Alte Fritz, benötigte „nur so viel deutsch, damit mein Pferd mich versteht.“ Das erklärt den Einfluß des Französischen auf die deutsche Sprache, vor allem auf die Kriegstechnik und den verhältnismäßig großen Anteil darin, der heute oft schon gar nicht mehr als fremd erkannt wird. Otto von Guericke, der Physiker und Bürgermeister von Magdeburg im 17. Jahrhundert, bat sich vom Kaiser die Gnade aus, hinter das G seines Familiennamens ein u setzen zu dürfen, weil er es nicht leiden konnte, auf französisch “Scheriiiik!” gerufen zu werden; er wollte Gericke heißen, auch auf französisch!

Die Voraussetzungen für die Erfindung des Pulvers hatten ursprünglich nur in Indien und China bestanden, den Ländern, in denen der Salpeter unmittelbar aus dem Boden wuchs. Manche Literatur nennt schon das 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als den möglichen Zeitpunkt, zu dem sich die Bevölkerung dieser fernen Erdteile mit den Eigenschaften des Salpeters vertraut gemacht und zunächst Feuerwerke zur Belustigung, schon bald aber auch Treib- und Sprengladungen für Feuerwaffen entwickelt haben soll.

Es scheint jedoch ausgeschlossen, daß trotz der langen und innigen Handels-beziehungen zwischen China, Indien und dem Vorderen Orient fast ein Jahrtausend vergangen sein soll, bis endlich die Kunde vom gefährlichen Feuer den Weg nach Westen genommen hat.

Der Schmuggel von Seidenraupeneiern in hohlen Pilgerstäben (553 n. Chr.) weist nach, wie einfallsreich der Westen sich die geheimsten Dinge jener fernen Welt zu beschaffen wußte, um so mehr, wenn man sich einen militärischen Vorteil davon versprach.

Körnungsmaschine

 

H.W.L. Hime, ein begabter Historiker und ehemaliger englischer Artillerie-Offizier, hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert zahlreiche Bibliotheken in ganz Europa durchstöbert, um die Frühgeschichte des Schießpulvers auszugraben. Hime widerlegte überzeugend das Märchen von der Pulvererfindung in China und dem Transfer in den Westen; ihm verdanken wir auch den Nachweis, daß das »griechische Feuer« mit dem Schwarzpulver nichts zu tun hat.

Die ersten Feuerwaffen wurden von den Chinesen eingesetzt, heißt es immer wieder, doch können damit auch nur einfache Vorrichtungen zum Erzeugen eines lauten Knalles gemeint sein. Immerhin sind nach einigen chinesischen Chroniken, die 1850 der Franzose Paravey in einem Bericht an die französische Akademie erwähnt, Geschütze angeblich schon 618 (!) vor unserer Zeitrechnung bekannt. In anderen chinesischen Schriften sind Feuerbälle, die aus Bambusrohren geschossen wurden, und eine Art von Sprengkugeln beschrieben. Doch ob dies in kriegerischer Absicht geschah, machte Paravey nicht deutlich, denn danach tauchten diese Mittel auch in Indien und auf der arabischen Halbinsel auf, ohne besondere militärische Beachtung zu finden.

Auf jeden Fall scheinen in früheren Perioden der chinesischen Geschichte Schießpulver und Kanonen nicht für den kriegerischen Zweck entwickelt gewesen zu sein. Das erste nachweisbare Beispiel ihrer umfassenden Anwendung stammt aus einer späteren Zeit, nämlich aus dem Jahre 1232 unserer Zeitrechnung, als die Mongolen die Stadt Kai-fang-fu belagerten. Die Chinesen verteidigten sich mit Kanonen, die Stein- und Sprengkugeln (!) schleuderten, mit Petarden und anderen Feuerwerkskörpern aus Schießpulver.

Obwohl häufig wiederholt, können die Behauptungen aus so früher Zeit bislang durch Fakten nicht erhärtet werden, wie auch die Existenz des vermeintlichen Namengebers des Schwarzpulvers, des sagenumwobenen Mönchs Bertholdus aus Freiburg -der schwarze Berthold-, geschichtlich noch immer nicht erwiesen ist. Trotz des fehlenden Nachweises läßt die verbreitete Meinung vom Mönch Berthold als dem Erfinder des schwarzen Pulvers nicht ab. Der so sehr Zweifelhafte verdankt seinen Ruhm einer Zeichnung aus dem Jahre 1640 (Furttenbach: »Architectura Recreationis«), die mit dem schwungvollen Titel „Bildens Des Ehrwürdigen und Sinnreiche Vatters Bertold Schwartz genandt, franciscaner Ordens, Doctor, Alchimist, und Erfinder der freien Kunst des Buchsenschießens im Jar 1380“ aufwartet. Der Mönch soll bei seinen Experimenten eine Ladung Pulver in einem Apothekermörser gezündet haben, so daß der Deckel davonflog, was den frommen Mann auf die Idee gebracht haben soll, von nun an mit Kanonen zu schießen. Leider hat Joseph Furttenbach, dieser großartige deutsche Artillerielehrer des Dreißigjährigen Krieges, uns nicht hinterlassen, worauf sich sein knappes Wissen von der Herkunft des Bertholdus stützt.

Aber noch in viel späterer Zeit erfahren wir, wie groß die Unkenntnis über diese geschichtlichen Vorgänge selbst in der chemisch-wissenschaftlichen Welt ist. Im Buch »Chemische Technologie der Neuzeit« heißt es: „Der Freiburger Mönch Bertholdus, der ursprünglich Conrad Anklitzen hieß, soll bereits 1354 die erste Feuerwaffe (!) erfunden haben. Da aber in England, Frankreich und Italien nachweislich schon einige Jahrzehnte vorher Pulver und Kanonen erzeugt wurden, so müßte ‚der schwarze Berthold’ (woraus man später Berthold Schwarz machte) lange vor 1354 gelebt haben, wenn er der Erfinder des Pulvers oder der Feuerwaffen sein soll.“ (Dammer und Peters, im Abschnitt „Sprengstoffe“, Verlag Enke in Stuttgart, 1925).

Den bis in die neuere Zeit hinein tobenden Kampf um den Nachweis konnte die bemühte Wissenschaft in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts dadurch beruhigen, daß sie weder einen Mönch noch einen Bürger dieses Namens oder, wie man später annahm, mit Namen Anklitz oder Anklitzen in Freiburg festgestellt hat. Einen nicht von der Hand zu weisenden Charme besitzt auch die Vermutung, die Erfindung des Pulvers -und ebenso auch die Niederschrift des Feuerwerkerbuches von 1420- sei auf deutsche Mönche zurückzuführen, die sich hinter einem Pseudonym verstecken mußten, um ungefährdet zu bleiben, denn das zweite Laterankonzil von 1139 unter Innozenz II. bedrohte jeden mit dem Kirchenbann, der „feurige Verbindungen“ zu kriegerischen Zwecken herstellte.

 

Perkussion

 

Eine deutlich bessere Figur als Bertholdus macht der historisch nachweisbare englische Franziskanermönch Roger Bacon aus Somerset mit seiner 1242 verfaßten Schrift »De Mirabili Potestate Artis et Naturae« (»Über das wunderbare Pulver aus Kunst und Natur«). Bacon behauptet nicht, das Pulver erfunden zu haben, weist aber darauf hin, daß zur Zeit seiner Niederschrift das Pulver mancherorts längst in Gebrauch war. Ein Nachweis der Herkunft des Pulvers findet sich aber auch bei ihm nicht.

Obwohl Bacon seine Kenntnisse einer Öffentlichkeit nicht zugänglich machte, entfernte der Heilige Vater den gelehrten Mönch 1257 aus seinem Lehrstuhl in Oxford, mit dem deutlichen Hinweis auf die Beschlüsse des II. Laterankonzils, und steckte ihn zur sittlichen Erhebung für 10 Jahre in ein Kloster bei Paris.

Aber schon 1266 beauftragte Clemens IV. den ungeliebten Bruder Roger mit einer Zusammenfassung seiner philosophischen Werke. Eine dieser Schriften, das »Opus Tertius« ist in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt: „Durch das Zünden und Aufblitzen von bestimmten feurigen Mixturen und den Schrecken, den ihr Lärm hervorruft, ergeben sich wundersame Wirkungen, vor denen sich niemand schützen, noch sie ertragen kann. Als ein einfaches Beispiel seien der Blitz und der Lärm erwähnt, welcher von einem Pulver verursacht wird, das vielerorts bekannt ist, und aus Salpeter, Holzkohle und Schwefel bereitet wird. Wenn man eine Menge dieses Pulvers, die nicht größer ist als der Finger eines Mannes, in ein Stück Pergament einwickelt und zündet, so explodiert sie mit einem blendenden Lichtschein und betäubendem Lärm. Wenn eine größere Menge benutzt wird, oder die Hülle aus festerem Material gefertigt wird, so ist die Explosion von größerer Heftigkeit und der Lärm gänzlich unerträglich. Diese Mischung kann aus jeder gewünschten Entfernung angewendet werden, so daß der Handelnde jedem Schaden, der von ihr ausgeht, entweichen kann, während die, gegen die sie gerichtet ist, von Bestürzung erfüllt werden.“

Bacons Arbeiten ab 1216 gelten als älteste nachweisbare Schriften über das Schießpulver. Seine Formel gibt zur Herstellung des Schwarzpulvers eine Mischung aus 41 % Salpeter, dazu 29,5 % Schwefel und 29,5 % Holzkohle vor, während modernes Pulver aus 75 % Kalisalpeter, 10 % Schwefel und 15 % Holzkohle hergestellt wird.

Ungewiß bleibt die Szene aus dem 1876 erschienen Buch »Kampf um Rom« des aus Hamburg stammenden Historikers Felix Dahn. Der in Würzburg, Breslau und Königs-berg lehrende Geschichtsprofessor und Jurist beschreibt darin den byzantinischen Baumeister Martinus, der um 540 das Haupttor zur Festung Ravenna mit einem geheimnisvollen Pulverfaß aufgesprengt haben soll. Nach Dahn konnte Martinus seine Erkenntnisse nicht weitergeben, weil er die Wirkung seines Pulvers aus zu kurzer Entfernung beobachtet hatte. Die »Chronik der Gotenkriege« des kaiserlichen Schreibers Prokop erwähnt dieses Ereignis nicht, obwohl es doch eines der heraus-ragenden dieses Krieges gewesen sein muß.

Die Araber übernahmen von den Chinesen und den Hindus Salpeter und Feuerwerk, berichten Zeitgenossen immer wieder. Das ist glaubwürdig, denn beide Länder handelten früh miteinander, und zwei der arabischen Namen für Salpeter bedeuten Chinasalz und Chinaschnee. Arabische Schriftsteller des Altertums erwähnen chinesisches rotes und weißes Feuer, und auch die Verwendung von Brandsätzen fällt ungefähr in die gleiche Zeit wie die große arabische Invasion in Asien und Afrika. Gar nicht zu reden von der Maujanitz, einer mythischen Feuerwaffe, die bereits der Prophet Mohammed gekannt und benutzt haben soll.

Sicher ist, daß die byzantinischen Griechen ihre erste Kenntnis des Feuerwerks (das später zum griechischen Feuer entwickelt wurde) von ihren arabischen Feinden erhalten hatten. Ein Schreiber des 9. Jahrhunderts, Marcus Graecus, nennt eine Mischung aus sechs Teilen Salpeter, zwei Teilen Schwefel und einem Teil Kohle, die der richtigen Zusammensetzung des Schießpulvers sehr nahekommt. Roger Bacon hatte dies mit ziemlicher Genauigkeit erstmals 1216 in seinem »Liber de Nullitate Magiae« beschrieben, wenn auch als eher kryptische Andeutung, denn ein volles Jahrhundert lang verstanden die westlichen Völker nichts damit anzufangen.

Die Araber hingegen haben offenbar aus den von den Chinesen gewonnenen Erfahrungen sehr bald Nutzen gezogen. Nach Condes Geschichte der Mauren in Spanien wurden 1118 bei der Belagerung von Saragossa Kanonen benutzt, und 1132 wurde in Spanien neben anderen Kanonen eine Art Feldschlange mit einem Kaliber von vier Pfund gegossen.

Abd el Mumen soll im Jahre 1156 Mohadia bei Bona in Algerien mit Feuerwaffen eingenommen haben, und im folgenden Jahr wurde Niebla in Spanien gegen die Kastilier mit Feuermaschinen, die Bolzen und Steine schleuderten, verteidigt.

 

Moorsom

 

Wenn auch die Beschaffenheit der Maschinen, die von den Arabern im 12. Jahrhundert benutzt wurden, zweifelhaft bleibt, so steht doch fest, daß 1280 gegen Cordoba Artillerie eingesetzt wurde, und daß die Spanier zu Beginn des 14. Jahr-hunderts diese Kenntnis von den Arabern übernahmen.


Ferdinand IV. nahm 1308 Gibraltar mit Kanonen. In den Jahren 1312 und 1323 wurden Baza, 1326 Martos und 1331 Alicante mit Artillerie angegriffen und aus den hölzernen Kanonen Brandsätze in die belagerten Städte geschossen. Von den Spaniern ging der Gebrauch der Artillerie auf die übrigen europäischen Nationen über.
Die Franzosen benutzten im Jahre 1338 bei der Belagerung von Puy Guillaume Geschütze, und im gleichen Jahr wurden Geschütze auch von den Deutschrittern in Preußen verwendet.


Der Verwalter von St. Omer erwähnt in seinem Rechenschaftsbericht aus dem Jahre 1342 den Zustand der Kanonen auf der Burg Rihoult in der Artois. Diese Geschütze hatten eine getrennte Pulverkammer, die von einem Keil gehalten und mit einem glühenden Eisen gezündet wurden. Um 1350 waren Feuerwaffen in West-, Süd- und Mitteleuropa allgemein gebräuchlich.
Schon früh wurde die christliche Seefahrt einbezogen. Als erstes Schiff wurde 1338 die englische »Christopher« mit einer Bombarde ausgerüstet, die Hanse jedoch richtete erst 1385 einige ihrer Koggen für Schiffsgeschütze ein.

Friedrich Engels, einer der klügsten Militärautoren seiner Zeit, schreibt 1857: „Daß die Artillerie östlichen Ursprungs ist, beweist auch die Herstellungsart der ältesten europäischen Geschütze. Die Kanone wurde aus schmiedeeisernen Stäben her-gestellt, die längsseits aneinandergeschweißt und durch schwere eiserne Ringe verstärkt wurden, welche man darauf preßte. Das Geschütz war aus mehreren Teilen zusammengesetzt, wobei das abnehmbare Kammerstück nach dem Laden am Flug befestigt wurde. Die ältesten chinesischen und indischen Kanonen wurden genauso hergestellt und sind so alt wie die ältesten europäischen Geschütze oder sogar älter.“

Daraus aber den Weg von Osten nach Westen abzuleiten scheint gewagt, denn sowohl die europäischen als auch die asiatischen Kanonen waren etwa im 14. Jahrhundert von sehr primitiver Bauart, die zeigt, daß die Artillerie überall noch in ihren Kinderschuhen steckte. Wenn es also ungewiß bleibt, wann die Zusammensetzung des Schießpulvers und seine Anwendung für Feuerwaffen erfunden wurde, so können wir doch die Zeit bestimmen, in der es erstmalig ein wichtiges Mittel der Kriegführung wurde. Gerade die Schwerfälligkeit der Kanonen des 14. Jahrhunderts, wo immer sie auftreten, beweist ihre Neuartigkeit als reguläre Kriegsmaschinen. Die europäischen Geschütze jener Zeit waren ziemlich plumpe Dinger, und besonders die großkalibrigen konnten nur bewegt werden, wenn man sie zerlegte, wobei jedes Stück für sich bereits eine ganze Wagenladung ausmachte.

Selbst die kleinkalibrigen Geschütze waren außerordentlich schwer, weil damals weder zwischen dem Gewicht der Kanone und dem des Geschosses noch zwischen dem Geschoß und der Ladung eine richtige Proportion bestand. Anfangs waren dies allesamt Festungsgeschütze, schwere und unbewegliche Rohre, die auf die Belagerungstruppen gerichtet waren, oder umgekehrt, von den Belagerern mühsam in Einzelteilen herangeschleppt und vor der Festung zusammengebaut wurden.

 

Coloney

 

Waren die Geschütze mit der richtigen Rohrerhöhung, der Elevation, in Stellung gebracht, baute man für jedes eine Art Holzrahmen oder Gerüst, von dem gefeuert wurde. Die »Dulle Griet« der Stadt Gent war eine Kanone, die mit ihrem Rahmen an fünfzig Fuß lang war, also etwa 17 Meter. Lafetten waren noch unbekannt. Die Kanonen wurden meistens ebenso wie die Mörser in der oberen Winkelgruppe abgefeuert, und ihre Wirkung war daher bis zur Einführung von Hohlgeschossen sehr gering. Die Geschosse waren gewöhnlich runde Steinkugeln, für kleine Kaliber manchmal eiserne Bolzen.

Dennoch wurden Geschütze nicht nur bei Belagerungen und zur Verteidigung von Städten benutzt, sondern auch auf dem Schlachtfeld und an Bord von Kriegsschiffen. Schon sehr früh, im Jahre 1386, kaperten die Engländer zwei französische Schiffe, die mit Kanonen bestückt waren. Wenn die Stücke, die aus der »Mary Rose« (1543 gesunken) geborgen wurden, als Anhaltspunkt dienen dürfen, so waren jene ersten Schiffsgeschütze einfach in einen ausgehöhlten Holzblock eingelassen und so befestigt, daß sie nicht gerichtet werden konnten. Bis zum 14. Jahrhundert werden in der allgemeinen Bewaffnung der europäischen Staaten nur kalte Waffen gefunden, Feuerwaffen nur gelegentlich als Einzelstücke.

Die 1971 veröffentlichte Arbeit »The Handbook of Land Service Ammunition« des Quality Assurance Directorate (Weapons) in Woolwich stellte eine sehr kurze Chronologie auf, die aber etwas zu kurz griff, weil sie die frühen Schießversuche der Mauren in Spanien nicht erwähnt:

    • AD 1325: Ismail Ben Feraz, König von Granada, belagert Baza mit Maschinen, die Kugeln mit Feuer und Donner- und Lichterscheinung vertreiben.
    • AD 1326: Am 11. Februar bestellt der Rat der Zwölf in Florenz Personen zur Aufsicht über die Herstellung von Kanonen aus Bronze und eisernen Kugeln zur Verteidigung.
    • AD 1344: Der italienische Dichter Petrarca schreibt über bronzene Kugeln, die von der Kraft des Feuers und mit schrecklichem Lärm angetrieben werden.
    • AD 1375: John Barbour, Erzdiakon zu Aberdeen, berichtet in seinem Werk ‚Metrical Life of King Bruce’ über kleine Feuerwaffen mit einem Gewicht von 15 bis 30 Pfund.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, wie wenige Chronologien mit der Angabe der Jahreszahlen identisch sind: Woolwich legt die Beschießung von Baza in das Jahr 1325, während die spanischen Quellen sicher sind, den Geschützlärm erstmalig 1312 und schon wieder 1323 gehört zu haben.
Vor der Einführung des Gregorianischen Kalenders (1583) sind die Zeitangaben fast immer ungenau, weil der bis dahin für Europa geltende Julianische Kalender ziemlich willkürlich geführt wurde. Die Zuflucht zu den Kalendern anderer Kulturkreise gibt keine Klarheit, sondern verwirrt noch mehr, weil deren Zeitrechnungen ebenso willkürlich festgesetzt wurden wie die christlich-europäische, aber auf anderen Bezugs-punkten fußen.
In Kalendern sich fehlerlos zurechtzufinden, die von jedem Kaiser für den eigenen Zweck neu bestimmt wurden, fällt den folgenden Generationen begreiflicherweise sehr schwer. Es wird deshalb immer nur eine Annäherung möglich sein, eine Mitte aus verschiedenen Quellen. Allzu pedantische Historiker leiden schrecklich darunter.

 

Doppel-1

 

In der Handschrift des englischen Hofklerikers Walter de Milemete, Oxford 1326, zeigt der Schreiber ein flaschenförmiges Geschütz, das mit einem glühenden Eisen gezündet wird, und ein pfeilförmiges Geschoß verschießt, und bietet dieses als früheste englische Erfindung an.
Der deutsche General und Historiker Rathgen bezeichnete zwar in seinem Werk »Das Geschütz im Mittelalter« die englische Zeichnung als Fälschung, als „später hinzugefügte Malerei“, wenn sich aber in dem gleichen Jahr, in der Milemetes Schrift entstand, die Stadt Florenz der Herstellung von Feuerwaffen obrigkeitlich annimmt, dann gewinnt auch die englische Darstellung hinsichtlich der Zeitbestimmung ihre Glaubwürdigkeit zurück, denn eine „später hinzugefügte Malerei“ bedeutet nicht zwangsläufig eine Fälschung, sondern kann ebensogut eine Korrektur oder einen Nachtrag bedeuten. Die englische Waffenschmiede Woolwich läßt den Milemete jedenfalls gelten, wenn da auch vielleicht ein gewisser Patriotismus hineinspielen mag.

Die zweite Fahrt des Portugiesen Vasco da Gama 1502 nach Indien belegt den Einsatz seiner Artillerie glaubwürdig und läßt uns ganz neue Erkenntnisse von der Ausbreitung der Feuerwaffen gewinnen. Der Grundzug der Darstellung aus der Feder seines Feldgeistlichen, des Oberst-Vicarius Jan de St. Jago und Bruder Gascon, bezeugt die tiefe Religiösität des Schreibenden, dessen festes Gottvertrauen.

Hoch bewertet Bruder Gascon die dem Kampf jeweils vorausgehende kirchliche Feier, die Beichte, die Kommunion, die Absolution, das laute Gebet des Kommandierenden und das stille Gebet der Mannschaft. In der Errettung aus den Gefahren, dem siegreichen Bestehen der fürchterlichen Kämpfe mit der oft hundertfachen Überlegen-heit der ungestüm angreifenden, todesmutigen Inder wird stets das Wunder Gottes gesehen.

Es kommen dabei Einzelheiten zur Sprache, die ein ganz besonderes Vertrautsein des Geistlichen mit den Eigenheiten der Pulverwaffe beweisen, so zum Beispiel der „Schläge“, der kleinen eisernen und mit Sprengpulver gefüllten Röhren, die den Feind durch ihre Explosion von den Versuchen zum Unschädlichmachen der Brandgeschosse abhalten sollen: „Den Feind hindern mit irem geschütz und den Feuerspießen, die auf sie warfen und es wurden irer viel von dem Hagel der drinnen was, erschossen. Und wie der Feind dasselbig also springen sahen, erschraken sie gar und meynten, es were etwan ein zauberey.“

Nebenbei erzählt uns ein Bericht vom Tagelohn eines erfahrenen Büchsenmeisters unter Vasco da Gama: „...ain gülden Müntz, die nicht viel wert ist und ungefährlich 16 Heller gilt, das ist zehen halb Mentzer Pfennig.“ Also das Mainzer Geld diente dem Berichterstatter während der indischen Expedition als Wertmesser! Sankt Martin ist der Schutzpatron von Mainz; man darf annehmen, daß der Büchsenmacher Martin, der da Gama begleitet hat, aus Mainz stammt und seinen Ärger über die schlechte Bezahlung in den Kriegsbericht geschrieben hat.

Obwohl Indien und Arabien zu jener Zeit alle wirtschaftlichen und tech-nischen Mittel zur Herstellung von Feuerwaffen besaßen, waren diese dennoch arg vernachlässigt. Bei seinem Besuch eines arabischen Dorfes an der Ostküste Afrikas, in Melinde, wurde da Gama von dem Landesfürsten freundlich aufgenommen. Die Eingeborenen machten zur Begrüßung des Geschwaders „viel fest mit Feuerwerk und Büchsenschießen und hatten ein großes Freudengeschrey.“

Später, als da Gama 1498 sich nach seiner Ankunft in Kalkutta (Calicut) zu dem indischen Fürsten begab, „da gingen sehr viele Trometen und Krumphörner vor ihm her die bliese man alle. Auch ginge ein Naire (ein Mann aus der Kriegerkaste. d.A.) vor ihm her, der schoß offt abe.“ Bei diesen orientalischen Büchsenschüssen handelte es sich jedoch hauptsächlich um das Knallen, um den ohrenbetäubenden Lärm zur Verstärkung der Musik, weniger um deren Verwendung im Kriege.

Und als Duarte Pacheco 1500 mit sechzig Mann vor Cochin lag und ein etwa sechshundert Tonnen großes, mit dreihundert Köpfen besetztes Schiff, zur Übergabe aufforderte, „da spoteten die Moren seines Gebots und machten ein groß Geschrey und huben an auf ihren Instrumenten zu blasen, danach schossen sie ein wenig Geschütz ab, das sie hatten.“

Allen Bezeugungen der Chronisten nach befand sich die indische Artillerie zu dieser Zeit in einem jämmerlichen, der portugiesischen nicht vergleichbaren Zustand. Nach dem Zeugnis der griechischen Schriftsteller Älian, Ktesias, Philostratos und Themistios sollen die Hindus zwar schon zur Zeit Alexanders des Großen für Kriegszwecke verwendbare Feuerwerkskörper besessen haben, doch war das noch kein Schießpulver im europäischen Sinne, obwohl Salpeter in dieser Mischung reichlich enthalten gewesen sein mag.

In den Hindugesetzen wird auf eine Art Feuerwaffe hingewiesen. Eindeutig ist in ihnen das Schießpulver erwähnt, und nach Prof. H. H. Wilson wird seine Zusammensetzung auch in einigen alten medizinischen Werken der Hindus beschrieben. Kanonen jedoch werden zum erstenmal zu einem Zeitpunkt erwähnt, der mit dem ältesten eindeutig nachweisbaren Datum ihres Auftauchen in China beinahe zusammenfällt. Um 1200 spricht Hased in seinen Gedichten von Feuermaschinen, die Kugeln schleudern, deren Pfeifen bis in eine Entfernung von 10 coss (etwa 1000 Meter) zu hören war. Aus dem Jahre 1258 hören wir von Feuerwerkskörpern auf Wagen, die dem König von Delhi gehörten.

Wohl hatte es über Jahrhunderte hinweg alle Möglichkeiten der Pulverherstellung und eine bedeutende Handwerkskunst gegeben, jedoch keine nennenswerte Entwicklung einer kriegstauglichen Artillerie, und die Inder besaßen in den von den Arabern gelieferten Büchsen eine nur ganz minderwertige, wirkungslose Waffe.

Da Gama kehrte 1502 mit einem starken Geschwader nach Calicut zurück, um den Handel zwischen Indien und Arabien dauerhaft zu lähmen und dafür den mit Portugal zu erzwingen, und sah sich plötzlich tüchtigen Geschützen gegenüber. Zwei Goldschmiede aus Mailand, Johann Marie und Peter Antonio, die da Gama auf seiner ersten Fahrt in der Faktorei Cochin zurückgelassen hatte, waren gleich nach seiner Abreise zum Fürsten von Calicut übergelaufen und hatten ihm angeboten, „das sie ihm Geschütz gössen.“ Ebenso hatte die Republik Venedig, die ihre Vorherrschaft im Gewürzhandel nicht an den Konkurrenten Portugal verlieren wollte, da Gama’s Abwesenheit genutzt und inzwischen vier erfahrene Geschützgießer nach Calicut ausgeliehen.

Das Schmieden war eine in ganz Indien seit Urzeiten bekannte Kunst, und so waren die für die Herstellung von Büchsen ausgebildeten Handwerker überall im Lande in ausreichender Zahl vorhanden. Es galt jetzt, der eigenen Pulverwaffe den im Abendland längst erreichten technischen Stand zu geben. Das hatten „die zwei verläugneten Italiener“ im Vereine mit den venetianischen Büchsengießern zum großen Schaden der Portugiesen bestens verstanden.

Der Bericht von der Expedition des Vasco da Gama ist hier deshalb so ausführlich behandelt, weil die Mitteilung des Oberst-Vicarius Jan de St. Jago den Schluß erlaubt, daß nicht die Inder das Abendland in den Feuerwaffen unterwiesen, sondern umgekehrt das Abendland seine Technik in den Orient und nach Asien transferiert hat. Fest steht nur, daß das Pulver zuerst in China und Indien bekannt war. Erst nach einem großen zeitlichen Abstand folgte das Geschütz. Bis heute gelang auch der modernen Wissenschaft nicht, den Erfinder namhaft zu machen, der so entscheidenden Einfluß auf den Zustand der Welt genommen hat.

Kaiser Maximilian I. beendete den Rüstungswahn, aus dem die Riesenkanonen entstanden waren, denn in Europa war um 1500 die Hauptzeit der großkalibrigen Steinbüchsen, der Mauerbrecher, mit ihren mächtigen Steinkugeln so gut wie vorüber. Man hatte inzwischen das Eisengießen gelernt, war zu der Kugel aus Gußeisen und mit ihr zu den langen, weittragenden Kanonen, den Schlangen, übergegangen. Die Handbüchse bildete bereits die wichtigste Fernwaffe der Fußtruppen.

Waffengeschichtlich hatte die moderne Zeit begonnen, in deren Entwicklungsgang die Länder weit auseinander standen. Deutsche und französische Büchsenmeister dominierten in Europa und fertigten Radschloßbüchsen und -pistolen von nie dagewesener Perfektion, die Italiener lieferten nach alter Tradition aus Venedig alle Feuerwaffen geringer Qualität, die sie selbst nicht brauchen konnten, an die Araber, wie sie während der Kreuzzüge die Moslems mit Blankwaffen aus gutem Damaststahl versorgt hatten. Für die Belagerung von Konstantinopel und Rhodos (1452 bis 53) aber gossen Byzantiner Renegaten ein zweiteiliges Riesengeschütz für den türkischen Sultan Mehmet II. (Mahomet).

Das vielfach schwerere Blei oder geschmiedetes Eisen erzeugte höhere Leistungen bei kleinerem Kaliber, und schon bald (erstmals 1378) gossen Augsburger Waffenschmiede Hohlkugeln zu dem Zweck, diese im Ziel detonieren zu lassen. Das Augsburger Verfahren war jedoch zu teuer, und vor allem fehlte eine Sprengmischung, die sich ohne Gefahr für die Geschützbesatzung verschießen ließ. Wenig später, um 1430, werden auch in Italien Hohlkugeln hergestellt. Die Chinesen und Araber kannten den Gebrauch und die Herstellung von Hohlgeschossen, und wahrscheinlich kam diese Kunst von den Arabern zu den europäischen Völkern. Doch wurden dieses Hohlgeschoß und der Mörser, aus dem es jetzt abgefeuert wird, in Europa nicht vor der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts übernommen. Gewöhnlich wird dies Pandolfo Malatesta zugeschrieben, dem Fürsten von Rimini. Die ersten brauchbaren Sprengkugeln bestanden aus zwei verschraubten hohlen Metallhalbkugeln.

Im 15. Jahrhundert wurden beträchtliche Verbesserungen sowohl in der Bauart als auch in der Anwendung der Artillerie vorgenommen. Man begann, Kanonen aus Eisen, Kupfer oder Bronze zu gießen. Das bewegliche Kammerstück, das einige Fachleute heute zu der Annahme sehr früher Hinterlader verleitet, kam außer Gebrauch. Ab jetzt wurde die ganze Kanone wieder in einem Stück gegossen. Die besten Gießereien gab es in Frankreich und Deutschland.

Aus Frankreich kamen die ersten Versuche, Kanonen während einer Belagerung vorwärts zu bewegen und unter Deckung aufzustellen. Um 1450 wurde eine Art Verschanzung eingeführt, und bald darauf bauten die Brüder Bureau die ersten Breschbatterien, mit deren Hilfe der König von Frankreich, Karl VII., in nur einem Jahr alle Orte zurückeroberte, die ihm die Engländer zuvor genommen hatten.

Die größten Verbesserungen nahm Karl VIII. von Frankreich vor. Er schaffte zwischen 1483 und 1498 das abnehmbare Kammerstück endgültig ab, goß seine Kanonen fortan aus Bronze und in einem Stück, führte Schildzapfen sowie Lafetten auf Rädern ein und nahm nur noch eiserne Geschosse. Er verringerte auch das Kaliber der Geschütze und führte die leichteren regelmäßig ins Feld. Bei diesen lag die doppelte Kanone auf einer vierrädrigen, von 35 Pferden gezogenen Lafette, die übrigen Geschütze hatten zweirädrige Lafetten, deren Schwanz auf dem Boden schleifte und die von 24 bis hinunter zu 2 Pferden gezogen wurden. Ein Trupp von Kanonieren wurde jeder Kanone zugeteilt und der Dienst so organisiert, daß damit das erste selbständige Korps Feldartilleristen entstand.
Die leichteren Kaliber waren beweglich genug, um mit den anderen Truppen gemeinsam während des Kampfes die Position zu wechseln und sogar mit der Kavallerie mitzukommen. Dieser neuen Waffe dankte Karl VIII. seine überraschenden Erfolge im Feldzug gegen Italien, denn die italienischen Geschütze wurden nach wie vor von Ochsen gezogen. Sie bestanden immer noch aus verschiedenen Teilen und mußten, wenn die Position erreicht war, auf ihre Gestelle gebracht werden. Diese Geschütze feuerten Steingeschosse und waren in der ganzen Handhabung so schwerfällig, daß die Franzosen eine ihrer Kanonen in einer Stunde öfter abfeuerten als die Italiener ihre an einem Tage.

Die von Karls VIII. Feldartillerie 1495 gewonnene Schlacht bei Fornovo verbreitete Schrecken in ganz Italien, und die neue Waffe wurde als unwiderstehlich betrachtet. Machiavelli schrieb seine »Arte della Guerra« (Die Kunst des Krieges) zu dem Zweck, Wege aufzuzeigen, wie die Wirkung der Artillerie durch eine geschickte Aufstellung der Infanterie und der Kavallerie verringert werden könne.

Ludwig XII. und Franz I., die Nachfolger Karls VIII., setzten die Verbesserung und Gewichtsverminderung der Feldartillerie fort. Franz I. organisierte die Artillerie als eine gesonderte Abteilung unter einem Großmeister der Artillerie.
Seine Feldkanonen zersprengten 1515 bei Marignano die bis dahin unbesiegbaren „Hellen Haufen“ der Schweizer Pikeniere, indem sie sich schnell von einer Flankenposition in die andere bewegten und so die Schlacht entschieden.

Kaiser Karl V. stand seinen französischen Rivalen in der Verbesserung der Feldgeschütze nicht nach. Er führte die Protze ein und verwandelte so die zweirädrige Kanone, wenn sie fortbewegt werden mußte, in ein vierrädriges Fuhrwerk, das in der Lage war, ein schnelleres Tempo anzuschlagen und Bodenhindernisse zu überwinden. So konnten seine leichten Kanonen in der Schlacht bei Renty im Jahre 1554 im Galopp vorrücken, weil sie vierrädrig im unebenen Gelände nicht mehr so hoch absprangen wie zweirädrige und heil blieben.

Andere scheinen die alte Systemlosigkeit unter ihren Geschützen beibehalten zu haben. Die uns aus den ersten Jahren nach 1500 erhaltenen Geschütze zeigen immer noch den alten Formenreichtum der Vergangenheit. Das Zeugbuch des Kaisers bildet die Geschütze ab, die er im Schmalkaldischen Krieg in Sachsen und Hessen eroberte, und die teilweise noch aus den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts, teilweise aber auch schon aus dem ersten Drittel des 16. stammen.

Zwar trugen schon einzelne Geschütze bei Kaiser Sigismund (1410 bis 1437) in die Bronze eingegossene Sprüche, die für das Studium der Renaissance-Poesie nicht uninteressant sind, doch treten diese zunächst nur vereinzelt auf. Erst um 1500 hatte sich dieser Ausdruck des Mutes oder Übermutes, der vor allem die Kraft und Gewalt des betreffenden Geschützes hervorheben sollte -und wohl auch ein wenig die Kunst des Büchsenmeisters-, weitläufig verbreitet, in den folgenden Jahrhunderten um so mehr fortgesetzt. Die Männer der schwarzen Zunft, die Feuerwerker, hießen Büchsen-meister oder auch -je nach Dialekt und Schreibart- “Püxenmaister”.

Erst spät also wurden die Kaliber normiert, wenn auch nicht mit der uns heute selbstverständlichen Genauigkeit, denn eine verbindliche ISO-Norm gab es nicht.

In den offenen Vorhallen des Wiener Arsenals liegen etwa 200 Rohre aus den Anfängen der Artillerie, Bronzegüsse mit Inschriften und Wappen der stolzen Auftraggeber. Einige Rohre sind selbst von schweren Treffern gezeichnet: verformte Mündungen, gebrochene Schildzapfen, eingedrückte Flüge.

Aus dem 17. Jahrhundert liefert uns Michael Miethen, einer der bekanntesten Büchsenmeister seiner Zeit, eine Aufstellung der gebräuchlichen Kaliber und der Ladungen, die für den Schuß benötigt wurden. 

 

 

 Benennung der Geschützart

 

Rohrbohrung
in mm

 

Durchmesser der Kugel  in mm

 

Rohrlänge
in cm

 

Gewicht der Ladung
in kg

 

Gewicht des Rohres
 in kg

Ganze Karthaune (Kanone)

   198

   194

   325

  11

 5000

Drei Viertel Karthaune (Doppelschlange) Columbrine

   176

   170

   323

  8,5

 4200

Halbe Karthaune (doppelte Feldschlange)

   156

   150

   315

   7

 2800

Ganze Feldschlange (Drachen, Nothschlange)

   144

   135

   392

  4,5

 3000

Ein Viertel Karthaune (Feldschlange)

   124

   119

   274

   3

 1500

Halbe Feldschlange (Sagro, Sackerfalk)

   112

   107

   375

  2,5

 1700

Falke im vollen Gut (Viertelschlange, Pelikan)

   105

     95

   248

   2

 1300

Verjüngter Falke (Falkaune, Regimentsstück)

     85

     70

   189

   1

   700

Verjüngtes Regimentsstück

     85

     70

   105

  0,4

   350

Falkonet (Smeriglio)

     53

     50

   175

  0,3

   300

Serpentinel (Scharfes Dierndel)

     28

     26

   101

  0,1

   120

Auszug aus dem Kapitel “Beitrag zur Artillerie” aus dem Buch
von Peter Voß “Vergessene Feuerwerkerei”
4V Verlag Hamburg

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